Schneeschuhhochtouren rund um die Marteller Hütte, 18.03. - 22.03.2026
von Wolfgang Reinhart
Wieso fahrt‘s ihr ned Ski? Als Schneeschuhgeher waren wir fast schon Exoten auf der Marteller Hütte. Diese Frage mussten wir im Winterwunderland der Südtiroler Gipfel mehr als einmal beantworten. Und warum gehen wir Schneeschuh? Unsere Standardantwort wurde mit jedem Höhenmeter kürzer: „Weil wir‘s können!“ – und weil wir spätestens nach der dritten Spurverwehung verstanden hatten, dass man Glück nicht zwingend auf zwei Bretter schnallen muss. Während die Skitourengeher elegant in Serpentinen an uns vorbeizogen, erinnerten wir an eine Mischung aus Pinguin und frisch geborener Giraffe – zumindest solange, bis der Rhythmus sich einstellte. Und mit ihm die Erkenntnis: Schneeschuhgehen hat Stil. Irgendwie.
Und weil Schneeschuhtouren einfach so schön sind, erst recht mit Rainer und Micha von der BG Remstal als Guides, trafen wir uns an einem Mittwochmorgen im März früh um 6Uhr zur gemeinsamen, klimaschonenden Fahrt in den Schnee. Nach einem stärkenden Kaffee in Nassereith führte uns der Weg bei bestem Wetter weiter Richtung Süden, über den Reschenpass und vorbei am wohl berühmtesten Kirchturm Italiens im vereisten Reschensee. Durch das Vinschgau ging es hinein ins Martelltal bis zum Parkplatz am Talschluss. Dort trafen wir auf eine Gruppe, die direkt aus Stuttgart angereist war. „Es ist ja fast wie an Weihnachten, wenn man die bucklige Verwandtschaft trifft, die man nur einmal im Jahr sieht“, freute sich ein Teilnehmer scherzhaft über das Wiedersehen altbekannter Gesichter.
Nach einem ersten Kennenlernen und LVS-Check stiegen wir zur Marteller Hütte auf, zunächst durch den verschneiten Wald in Richtung Zufallhütte. Bald eröffnete sich ein eindrucksvoller Blick auf das verlassene Hotel Paradiso. Nach der Querung des breiten Plimabachtals ging es über eine steilere Hangstufe bergauf. Bei guter Sicht konnten wir bereits unsere Gipfelziele für die nächsten Tage erspähen, bevor wir nach zwei Stunden die Marteller Hütte auf 2610m erreichten.
Hüttenwirt Bruno erwies sich nicht nur als guter Gastgeber, sondern reparierte auch zwei Nieten an den Harscheisen einer Bergsteigerin, so dass die weiteren Touren wieder gesichert waren. Das Essen war reichlich und deftig, sodass in den kommenden Tagen einige auf halbe Nudelportionen umstiegen. Energie für mehrere Runden Uno war dennoch mehr als genug vorhanden.
Bei klarem Himmel sanken die Temperaturen in der Nacht deutlich, und so starteten wir am Donnerstag bei eisigen -11C pünktlich zur vereinbarten Zeit unseren Anstieg. Vielleicht lag es an der Autorität unserer Guides, oder einfach an unserer Vorfreude auf die erste Tagestour bei diesem wunderbaren Fernblick. Über den Fürkelferner und Zufallferner stiegen wir auf, bis wir rechterhand auf einem ausgeprägten Felsrücken die Cima Tre Cannoni erreichten. Die drei Kanonen aus dem Ersten Weltkrieg ließen nur erahnen, welcher Aufwand nötig gewesen war, um sie hierher zu bringen. Nach kurzer Rast führte uns der Weg weiter zum Rifugio Gianni Casati, das allerdings unbewirtschaftet war, und schließlich hinauf zur weiten Gipfelfläche der Suldenspitze (3.376 m) . Der Blick auf Königspitze, Ortler und Zebrù war schlicht spektakulär.
Beim Abstieg querten wir in zwei Seilschaften gesichert den Gletscher. Ein Skitourengeher wollte unsere Gruppe kreuzen, erkannte unser Seil trotz Zurufen zu spät und konnte nicht mehr rechtzeitig bremsen. Wir konnten das Seil in Bodennähe bringen und der Skifahrer sprang beherzt im richtigen Moment hoch – eine heikle Situation, die glimpflich ausging.
Unsere zweite Tour führte und auf die Cima Marmotta (Köllkuppe). Nach einer kurzen Steilstufe erreichten wir ein Hochtal, von dem aus es in Kehren steil zum Gebirgskamm und weiter auf den 3330 m hohen Gipfel ging. Hier bot sich uns ein atemberaubendes Panorama auf die südlichen Gipfel der Marmolata. Für den Abstieg wählten wir eine alternative Route durch einen Gletscherbruch. Aufgrund der Lawinenlage entschieden wir uns für Einzelbegehung. Eine Gruppe Skitourengeher bewertete das Risiko offensichtlich anders und fuhr als Gruppe den Bruch ab, glücklicherweise ebenfalls ohne Zwischenfälle
Im Abstieg fanden und analysierten wir Tierspuren im Schnee. Auch wenn unser Guide trotz Schneeschuhen behände die Sprünge eines Schneehasen vorführte, konnten nicht alle restlos überzeugt werden, dass Meister Lampe hier unterwegs gewesen war. Und wenn es ein Wolf war? Und was ist eigentlich mit den Bären in Italien? Berichten zufolge wurden sie im Martelltal schon in Höhen von über 3.000m gesichtet. Glücklicherweise waren die von uns gefundenen Spuren deutlich zu klein. Zur Krönung des wunderbaren Tages kreiste ein Geier fast wie bei einer Flugshow über unserer sonnigen Hütten-Terrasse, und bei dieser Sichtung waren wir uns alle einig.
Unsere Abschlusstour führte und auf die Butzenspitze. Wir finden, dieser Gipfel hätte einen heldenhafteren Namen verdient, insbesondere nach unserer anstrengenden Tour! Wir stiegen von der Hütte ab ins Tal des Plimabaches und von dort taleinwärts auf, zunächst moderat und dann sehr steil hinauf auf den Verbindungskamm zwischen Eisseespitze und Butzenspitze. Das Spuren unserer Vorhut war kräftezehrend. Dennoch hatte ein Bergsteiger genügend Energie, zweimal Vesper und Ausrüstung zu bergen, die anderen Bergsteigern den Steilhang hinabgefallen war. Am Gipfel zog es nun vollends zu, sodass wir auf die geplante Überschreitung verzichteten und auf ähnlicher Route abstiegen. Der Weg zurück durch das Hochtal und der finale Gegenanstieg zur Hütte zogen sich, so dass wir froh waren, um 16:30Uhr die Hütte bei Schneefall zu erreichen. Das deftige Abendessen hatten wir uns an diesem Abend mehr als verdient. Nach einer finalen Runde Uno schliefen wir in dieser Nacht trotz Schnarchkonzert im Matratzenlager besonders gut.
Am Sonntag stiegen wir, erfüllt von unseren Erlebnissen, ins Tal ab und fuhren heim ins Ländle in den beginnenden Frühling. Und spätestens beim Abschied war klar: Vielleicht kommen wir als Schneeschuhgeher etwas langsamer voran als die Skitourengeher – aber wir erleben garantiert genauso viel. Und wer weiß, vielleicht stehen wir beim nächsten Mal doch auf zwei Brettern. Oder auch nicht. Unsere Antwort steht ja schon fest: „Weil wir‘s können!“
Text: Lima Nonnenmacher
Bilder: Teilnehmende



